[In einer Vision] sah ich einen Mann, der dem Herrn diente. Ständig gab er anderen Zeugnis, lehrte und besuchte die Kranken, um für sie zu beten. Er war voller Eifer für den Herrn und hatte eine echte Liebe für die Menschen. Dann sah ich einen anderen Mann, offensichtlich einen Landstreicher oder einen Obdachlosen. Ein kleines Kätzchen lief ihm über den Weg, und er fing an, danach zu treten, hielt sich dann aber doch zurück. Trotzdem schob er das Kätzchen mit seinem Fuß ziemlich unsanft aus dem Weg. Dann fragte mich der Herr, welcher der beiden Männer ihm wohl besser gefalle. »Der Erste«, antwortete ich ohne Zögern. »Nein, der Zweite«, sagte er und erzählte mir die Geschichte der beiden.

 

Der erste Mann war in einer wunderbaren Familie aufgewachsen, die schon immer den Herrn kannte. Er besuchte von klein an eine blühende Gemeinde und ging später auf eine Bibelschule. Ihm waren sozusagen hundert Portionen göttlicher Liebe gegeben worden, aber er benutzte nur fünfundsiebzig davon.

 

Der zweite Mann war taub geboren. Er wurde misshandelt und in einer dunklen, kalten Dachkammer gehalten, bis er schließlich im Alter von acht Jahren von den Behörden gefunden wurde. Dann wurde er von einem Heim ins andere abgeschoben. Misshandelt wurde er weiterhin. Schließlich warf man ihn auf die Straße. Um all das zu überwinden, hatte er sozusagen nur drei Portionen göttlicher Liebe zur Verfügung. Aber davon hatte er jedes Quäntchen eingesetzt und die Wut in seinem Herzen bekämpft, um dem Kätzchen nicht ernstlich weh zu tun.

 

Und jetzt schaute ich diesen Mann an, einen König auf seinem Thron, bei weitem herrlicher, als es sich selbst Salomo hätte vorstellen können. Heerscharen von Engeln standen in Reih und Glied vor ihm und warteten auf seine Befehle. Voller Ehrfurcht wandte ich mich zum Herrn. Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass dieser Mann real war, geschweige denn, dass er einer der großen Könige war.

 

»Herr, bitte erzähl mir den Rest seiner Geschichte!«, bat ich.

 

»Natürlich, darum sind wir ja hier. Angelo war so treu mit dem Wenigen, das ich ihm gegeben hatte, dass ich ihm weitere drei Portionen meiner Liebe gab. Er setzte alles davon ein, um mit dem Stehlen aufzuhören. Er verhungerte fast dabei, aber er weigerte sich, irgend etwas zu nehmen, das ihm nicht gehörte. Er kaufte sein Essen von dem Geld, das er sich durch das Sammeln von Flaschen oder durch kleinere Gelegenheitsarbeiten verdiente. Er konnte nicht hören, aber er hatte lesen gelernt, und deshalb sandte ich ihm ein evangelistisches Traktat. Als er es las, öffnete der Heilige Geist ihm das Herz, und er gab mir sein Leben. Erneut verdoppelte ich die Portionen meiner Liebe, und er benutzte wieder alles davon in Treue. Er wollte anderen von mir erzählen, aber er konnte nicht sprechen. Und obwohl er in solcher Armut lebte, fing er an, mehr als die Hälfte von allem, was er verdiente, für Traktate auszugeben und sie an den Straßenecken zu verteilen.«

 

»Wie viele hat er zu dir geführt?«, fragte ich und dachte, dass es Unmengen gewesen sein mussten, wenn er hier bei den Königen saß.

 

»Einen«, antwortete der Herr. »Um ihn zu ermutigen, half ich ihm, einen sterbenden Alkoholiker zu mir zu führen. Es ermutigte ihn so sehr, dass er noch viele Jahre länger an jener Ecke gestanden hätte, nur um eine einzige andere Seele zur Umkehr zu führen. Aber der ganze Himmel bestürmte mich, ihn hierher zu bringen, und auch ich wollte ihm seinen Lohn geben.«

 

»Aber was tat er, dass er hier ein König ist?«, fragte ich.

 

»Er war treu in allem, was ich ihm gab. Er überwand alles, bis er mir gleich war, und er starb als Märtyrer.«

 

»Aber was überwand er und wie wurde er zum Märtyrer?«

 

»Er überwand die Welt durch meine Liebe. Nur sehr Wenige haben so viel mit so wenig vollbracht. Viele meiner Kinder wohnen in Häusern, um deren Bequemlichkeit sie vor hundert Jahren noch Könige beneidet hätten, aber sie schätzen sie nicht. Angelo hingegen war für einen Pappkarton in einer kalten Nacht so dankbar, dass er ihn in einen Tempel meiner Herrlichkeit verwandelte. Er fing an, alles und jeden zu lieben. Er freute sich mehr über einen Apfel, als einige aus meinem Volk über ein ganzes Fest. Er war treu in allem, was ich ihm gab, auch wenn es nicht sehr viel war, verglichen mit dem, was andere bekommen haben, dich eingeschlossen. Ich zeigte ihn dir in einer Vision, denn du bist oft an ihm vorbeigegangen. Du hast ihn sogar einmal einem deiner Freunde gezeigt und über ihn geredet.«

 

»Wirklich? Was habe ich gesagt?«

 

»Du hast gesagt: Schon wieder einer von diesen selbsternannten Propheten, der sich vom Bahnhof hierher verlaufen hat.” Dann hast du ihn einen religiösen Spinner genannt, den der Feind geschickt hat, um die Leute vom Evangelium abzuschrecken.«

 

Das war der schlimmste Schlag in dieser ganzen Zeit. Ich war mehr als erschrocken, ich war entsetzt. Ich versuchte, mich an die Einzelheiten zu erinnern, konnte das aber schon deshalb nicht, weil es viele solcher Szenen gegeben hatte. Ich hatte nie sonderlich viel Mitleid mit schmutzigen Straßenpredigern gehabt, die mir immer speziell dafür geschickt schienen, um Leute vom Evangelium abzuhalten. »Es tut mir leid, Herr. Es tut mir wirklich leid.«

 

»Es ist dir alles vergeben«, erwiderte er schnell. »Und du hast recht. Es gibt viele, die mein Evangelium auf den Straßen aus falschen oder sogar perversen Motiven heraus predigen. Und doch meinen es viele von ihnen ernst, auch wenn sie völlig ungebildet sind. Du darfst nicht nach ihrem Äußeren urteilen. Unter denen, die so aussehen wie er, gibt es ebenso viele echte Diener des Evangeliums wie unter den geschniegelten und gebügelten Berufsgeistlichen in den großen Kathedralen und Organisationen, die sie in meinem Namen gebaut haben.«

 

Dann machte er mir mit einer Handbewegung klar, dass ich zu Angelo hinschauen sollte. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass er die Stufen von seinem Thron heruntergekommen war und nun genau vor mir stand. Er öffnete seine Arme und umarmte mich kräftig. Wie ein Vater küsste er mich auf die Stirn. Liebe überflutete mich und strömte durch mich hindurch, bis ich das Gefühl hatte, meine Nerven hielten nicht mehr durch. Als er mich endlich freigab, torkelte ich wie ein Betrunkener, aber es war ein wunderbares Gefühl. Es war Liebe, wie ich sie nie zuvor gefühlt hatte.

 

»Er hätte dir das schon auf Erden geben können«, fuhr der Herr fort. »Er hatte meinem Volk viel zu geben, aber sie kamen nicht einmal in seine Nähe. Selbst meine Propheten mieden ihn. Er wuchs im Glauben, indem er eine Bibel kaufte und einige wenige Bücher, die er wieder und wieder las. Er versuchte, in eine Gemeinde zu gehen, fand aber keine, die ihn aufnahm. Hätten sie ihn aufgenommen, dann hätten sie mich aufgenommen. Ich habe an ihre Tür geklopft.«

 

 

Ich lernte Schmerz von einer neuen Seite kennen. »Wie starb er?«, fragte ich eingedenk der Tatsache, dass er als Märtyrer gestorben war. Halb erwartete ich, auch dafür verantwortlich zu sein.

 

»Er erfror, weil er einem alten Trinker das Leben retten wollte, der in der Kälte starb.«

 

Als ich Angelo anschaute, konnte ich nicht glauben, wie hart mein Herz war. Aber trotzdem verstand ich nicht, wie ihn das zum Märtyrer machen konnte. Ich hatte immer gedacht, dieser Ehrentitel sei für diejenigen reserviert, die sterben mussten, weil sie Jesus nicht verraten wollten. »Herr, ich weiß, das er wirklich ein Überwinder ist”, bemerkte ich. »Und deswegen ist er ja auch hier. Aber werden diejenigen, die so sterben, auch zu den Märtyrern gerechnet?«

 

»Angelo war ein Märtyrer, jeden Tag seines Lebens. Er tat nur gerade so viel für sich, um am Leben zu bleiben und opferte sein eigenes Leben voller Freude, um einen Not leidenden Freund zu retten. Wie Paulus an die Korinther schrieb: Auch wenn du deinen Leib opferst, um verbrannt zu werden, aber keine Liebe hast, dann zählt es nicht.“ Aber wenn du dich selbst aus Liebe gibst, dann zählt das viel. Angelo starb Tag für Tag, weil er nicht für sich, sondern für andere lebte. Solange er auf Erden war, hielt er sich immer für den Geringsten aller Heiligen, doch er war einer der Größten. Du hast ja bereits gelernt: Viele, die sich für die Größten halten und auch von anderen dafür gehalten werden, landen hier in den niedersten Rängen. Angelo starb nicht für eine Lehrmeinung, auch nicht einmal um seines Zeugnisses willen  er starb für mich.«

 

»Herr, bitte hilf mir, das nicht zu vergessen. Bitte lass mich nicht vergessen, was ich hier gesehen habe, wenn ich wieder zurück bin!«, bat ich.

 

»Darum bin ich mit dir hier und werde auch bei dir sein, wenn du zurückgehst. Weisheit ist es, mit meinen Augen zu sehen und nicht nach der äußeren Erscheinung zu urteilen. Ich hatte dir Angelo in der Vision gezeigt, damit du ihn erkennen konntest, als du ihm auf der Straße begegnet bist. Hättest du ihm dann erzählt, was ich dir über seine Vergangenheit gezeigt habe, dann hätte er sich damals bekehrt. Du hättest diesen großen König als Jünger ausbilden können, und er hätte einen starken Einfluss auf meine Gemeinde ausgeübt. Würde mein Volk die Menschen so sehen, wie ich sie sehe, dann wären Angelo und viele andere erkannt worden. Man hätte ihnen die bedeutendsten Kanzeln gegeben, und mein Volk wäre von den Enden der Erde gekommen, um zu ihren Füßen zu sitzen. Und es wäre gewesen, als ob sie zu meinen Füßen gesessen hätten. Er würde euch gelehrt haben, zu lieben und die Gaben einzusetzen, die ich euch gegeben habe. So hättet ihr viel mehr Frucht bringen können.«

 

Ich schämte mich so sehr, dass ich den Herrn nicht einmal mehr anzuschauen wagte, aber als ich merkte, dass mich der Schmerz auf mich selbst zurückwarf, wandte ich mich ihm schließlich zu. Als ich ihn erblickte, wurde ich von seiner Herrlichkeit geblendet. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen soweit angepasst hatten, dass ich ihn sehen konnte.

 

»Denk daran: dir ist vergeben!«, sagte er. »Ich zeige dir diese Dinge nicht, um dich zu verurteilen, sondern um dich zu lehren. Denke immer daran, dass Barmherzigkeit die Hüllen auf deiner Seele schneller wegnehmen wird als alles andere.«

 

Als wir weitergingen, sprach Angelo zum ersten Mal: »Bitte, denke an meine Freunde, die Obdachlosen. Viele würden unseren Erlöser lieben, wenn nur jemand zu ihnen ginge.« Seine Worte berührten mich so stark, dass ich nicht antworten konnte. So nickte ich einfach. Ich wusste, dass diese Worte der Erlass eines großen Königs und Freundes des Königs aller Könige waren.

 

»Herr, hilf mir bitte, den Obdachlosen zu helfen!«

 

»Ich werde jedem helfen, der ihnen hilft«, gab er zur Antwort. »Wenn du diejenigen liebst, die ich liebe, wirst du immer meine Hilfe haben. Jedem wird der Helfer nach dem Maß seiner Liebe gegeben. Du hast mich oft um mehr Vollmacht gebeten. Auf diese Weise wirst du sie empfangen. Liebe die, die ich liebe. Wenn du sie liebst, liebst du mich. Wenn du ihnen gibst, dann hast du mir gegeben, und ich werde dir mehr zurückgeben.«

 

Mein Verstand schweifte ab zu meinem schönen Haus und allem anderen, was ich besaß. Ich war nicht reich, aber gemessen an irdischen Maßstäben wusste ich, dass ich weitaus besser lebte, als manche Könige noch vor hundert Jahren gelebt hatten. Nie zuvor hatte ich mich deswegen schuldig gefühlt, aber jetzt fühlt ich mich so. Auf der einen Seite war es ein gutes Gefühl, aber andererseits stimmte etwas nicht ganz. Ich schaute wieder zu Jesus hin, weil ich wusste, dass er mir helfen würde.

 

»Erinnere dich an meine Worte, dass das vollkommene Gesetz der Liebe das Licht von der Finsternis scheidet. Wenn du verwirrt bist, wie soeben, dann weißt du, dass das, was du erlebst, nicht das vollkommene Gesetz der Liebe ist. Ich freue mich, meiner Familie gute Gaben geben zu können, genauso wie du auch. Ich möchte, dass du dich an diesen guten Gaben freust und sie schätzt. Nur anbeten darfst du sie nicht. Und du musst sie mit anderen freigiebig teilen, weil ich das von dir erwarte. Ich könnte alle Armut augenblicklich von der Erde wegnehmen. Es wird einen Tag der Abrechnung geben, wenn alles Hohe erniedrigt wird und die Armen und Bedrückten erhoben werden, aber das ist allein mein Werk. Menschliches Mitleid wird als Ersatz für mein Kreuz benutzt. Ich habe dich nicht zu Opfern berufen, sondern zum Gehorsam. Manchmal wirst du Opfer bringen müssen, um mir zu gehorchen, aber wenn dein Opfer nicht aus dem Gehorsam kommt, wird es uns trennen.

 

Du hast dich schuldig gemacht durch die Art und Weise, wie du diesen großen König beurteilt und behandelt hast, als er mein Diener auf Erden war. Richte niemanden, ohne mich zu fragen. Du hast mehr Begegnungen mit Menschen versäumt, die ich für dich vorbereitet hatte, als du dir überhaupt vorstellen kannst. Und das einfach nur deshalb, weil du mir gegenüber nicht sensibel warst. Aber ich habe dir das nicht gezeigt, um Schuldgefühle in dir wachzurufen, sondern um dich zur Umkehr zu führen, damit du nicht so weitermachst. Wenn du dein Handeln von Schuldgefühlen bestimmen lässt, dann wirst du Dinge unternehmen, um deine Schuld zu kompensieren. Das aber ist eine Beleidigung für mein Kreuz, denn allein mein Kreuz kann deine Schuld tilgen. Weil ich ans Kreuz ging, um deine Schuld zu tilgen, wird alles, was aus solchen Schuldgefühlen heraus geschieht, nicht für mich getan.«

 

»Ich habe keine Freude daran, Menschen leiden zu sehen«, fuhr er fort. »Aber menschliches Mitleid allein wird die Menschen nicht zu meinem Kreuz führen, das allein ihr wirkliches Leid lindern kann. Du bist an Angelo vorbeigegangen, weil du kein Mitleid hattest. Du wirst mehr Mitleid haben, wenn du zurückkehrst, aber dieses Mitleid muss sich immer von meinem Geist leiten lassen. Auch ich habe nicht alle geheilt, mit denen ich Mitleid hatte, sondern habe nur das getan, was ich meinen Vater tun sah. Du darfst nicht einfach nur aus Mitleid heraus Dinge tun, sondern musst sie aus Gehorsam meinem Geist gegenüber tun. Nur dann hat dein Mitleid erlösende Kraft. 

 

Ich habe dir die Gaben meines Geistes anvertraut. Du hast die kraftvolle Wirkung des Heiligen Geistes in deinen Predigten und deinen Schriften erfahren, aber du kennst sie viel weniger, als du denkst. Selten nur siehst du mit meinen Augen, hörst mit meinen Ohren oder verstehst mit meinem Herzen. Ohne mich kannst du nichts tun, was meinem Reich oder der Ausbreitung meines Evangeliums nützt. Du hast in meinen Schlachten gekämpft und warst sogar auf der Spitze meines Berges gewesen. Du hast gelernt, Pfeile der Wahrheit zu schießen und damit den Feind zu treffen. Du hast auch ein wenig gelernt, mein Schwert zu gebrauchen. Aber meine stärkste Waffe ist die Liebe. Liebe wird niemals versagen. Liebe ist die Macht, die die Werke des Teufels zerstören wird. Liebe wird es sein, die mein Reich aufrichtet. Liebe ist die Fahne, unter der mein Heer kämpft. Und unter dieser Fahne musst jetzt auch du kämpfen.«

 

Mit diesen Worten verließen wir die große Halle des Gerichts.

 


Quelle: Rick Joyner in Der letzte Aufbruch | © Halfpoint - Fotolia.com



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