Ich kämpfte mich an diesem Sonntagabend im Jahr 1972 gerade auf den Höhepunkt meiner nicht allzu ausgefeilten Predigt zu, als sich die Katastrophe ereignete. Als es geschah, wusste ich nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Mein Schwiegervater hatte mich dazu überredet, Brooklyn Tabernacle zu leiten, eine bedauernswerte Gemeinde in der Innenstadt New Yorks an der Atlantic Avenue. Sie bestand aus einem schäbigen, zweigeschossigen Gebäude, und der Kirchenraum bot noch nicht einmal 200 Personen Platz – nicht, dass wir auch nur annähernd so viel Platz benötigt hätten. Die Decke war niedrig, die Wände brauchten einen neuen Anstrich, die Fenster waren schmuddelig, und der blanke Holzboden war schon seit Jahren nicht mehr versiegelt worden. Aber für solche Reparaturen stand kein Geld zur Verfügung, ganz zu schweigen von dem Luxus einer Klimaanlage. Carol, meine Ehefrau, tat an der Orgel gerade ihr Bestes, um eine andächtige Atmosphäre zu schaffen, während ich die etwa 15 Leute vor mir dazu einlud, persönlich auf meine Predigt zu antworten. Irgendjemand bewegte sich auf einer Bank zu meiner Linken, aber wohl weniger, weil ihn meine Predigt angesprochen hatte, als vielmehr, weil er keine Lust mehr hatte und sich fragte, wann dieser junge Prediger endlich alle nach Hause gehen lassen würde.

K-r-r-r-a-c-h!

Die Bank krachte und brach zusammen, wobei fünf Personen unsanft auf dem Boden landeten. Das Geräusch von Schnappen nach Luft und Ächzen füllte den Raum. Meine kleine Tochter hielt diesen Augenblick vermutlich für den aufregendsten in ihrer bisherigen Kirchenlaufbahn. Ich unterbrach die Predigt, um den Leuten Zeit zu geben, sich vom Boden zu erheben und ihre verlorene Würde wiederzufinden. Mir fiel nichts Besseres ein, als ihnen nervös vorzuschlagen, sich auf eine andere Bank zu setzen, die stabiler zu sein schien, und den Gottesdienst möglichst schnell zu beenden. Dieser Zwischenfall illustriert perfekt, wie meine erste Zeit im Amt aussah ...

 

Der Zustand der Gemeinde in Brooklyn war schrecklich. Von Zeit zu Zeit kamen Landstreicher während des Gottesdienstes herein. Die Besucherzahl sank auf weniger als 20 Besucher, weil eine Reihe von Leuten schnell beschloss, dass ich »zu reglementiert« sei und lieber in eine andere Gemeinde ginge. Vor allem die Sonntagvormittage ohne Carol waren schwierig. Der Organist konnte nur einen einzigen Choral richtig spielen. Wir sangen ihn jede Woche, manchmal auch mehr als einmal. Alle anderen Liedvorschläge führten zu Stocken und Disharmonien. Es hatte nicht gerade den Anschein, als stünde diese Gemeinde vor einem großen Aufbruch. Ich werde nie die Höhe der Kollekte am ersten Sonntagvormittag vergessen: 85 Dollar. Die Gemeinde musste jeden Monat allein schon 232 Dollar für ihre Hypothek bezahlen, ganz zu schweigen von den laufenden Kosten oder dem Gehalt des Pastors. Als die erste Hypothekenzahlung am Ende des Monats fällig war, hatten wir etwa 160 Dollar auf dem Gemeindekonto. Wie lange würde es dauern, bis die Gemeinde das Gebäude verlieren und auf der Straße stehen würde? An diesem Montag, meinem freien Tag, betete ich: »Herr, du musst mir helfen. Ich weiß nicht, was ich hier machen soll, aber eines weiß ich: Wir müssen diese Rate bezahlen.«

 

Ich kam am Dienstag wieder in die Gemeinde. »Vielleicht schickt ja einfach jemand unerwartet Geld«, sagte ich mir. »Bei George Mueller und seinem Waisenhaus in England passiert das doch so oft – er betete einfach und schon kam ein Brief oder ein Besucher und half ihm so aus der Not.« Die Post kam – nur Rechnungen und Werbung. Nun saß ich in der Falle. Ich ging hinauf in mein Büro, setzte mich an meinen kleinen Schreibtisch, senkte den Kopf und begann zu weinen. »Gott«, schluchzte ich, »Was soll ich machen? Wir können nicht einmal die Hypothek bezahlen.« 

 

An diesem Abend war Gottesdienst, aber ich wusste, dass mit Sicherheit nicht mehr als drei oder vier Leute kommen würden. Die Kollekte würde vermutlich weniger als zehn Dollar betragen. Wie sollte ich das durchstehen? Ich schrie vielleicht eine Stunde lang zu Gott. Schließlich trocknete ich meine Tränen – und mir kam ein neuer Gedanke: Moment! Abgesehen von dem Briefschlitz in der Eingangstür hat die Gemeinde noch ein weiteres Postfach. Ich werde mal über die Straße gehen und nachschauen, was da drin ist. Gott wird meine Gebete ganz sicher erhören! Mit neuer Zuversicht ging ich über die Straße, durchquerte das Postamt und sperrte das Postfach auf. Ich spähte hinein  nichts. Als ich wieder hinaus in die Sonne trat, donnerten LKWs über die Atlantic Avenue. Wenn mich einer von ihnen überfahren hätte, hätte ich mich wahrscheinlich auch nicht anders gefühlt. Ich war am Boden zerstört. Gab Gott uns auf? Tat ich etwas, das ihm nicht gefiel? Ich trottete müde über die Straße zu unserem kleinen Gebäude. Als ich die Tür aufsperrte, erwartete mich eine Überraschung. Auf dem Boden der Eingangshalle lag etwas, das drei Minuten vorher nicht da gewesen war: ein einfacher weißer Briefumschlag. Keine Adresse, keine Briefmarke – nichts. Nur ein weißer Umschlag. Ich öffnete ihn mit zitternden Händen ... und fand zwei 50-Dollar-Scheine. Ich brüllte durch die leere Kirche: »Gott, du hast es geschafft! Du hast es tatsächlich geschafft!« Wir hatten 160 Dollar auf der Bank und mit diesen zusätzlichen 100 Dollar konnten wir die Hypothek bezahlen. Meiner Seele entfuhr ein lautes »Halleluja«. Was für eine Lektion für einen entmutigten Pastor! Bis heute weiß ich nicht, von wem dieses Geld stammte. Ich weiß nur, dass es ein Zeichen für mich war, dass Gott nahe war – und auch in dieser Notlage immer bei uns.

 

Der Durchbruch

 

An einem dieser Sonntagabende war ich so deprimiert von dem, was ich vor mir sah – und mehr noch von demn, was ich in mir spürte , dass ich buchstäblich nicht predigen konnte. Nachdem ich fünf Minuten gepredigt hatte, blieben mir die Worte regelrecht im Hals stecken. Tränen stiegen mir in die Augen. Düstere Stimmung umfing mich. Ich konnte den Leuten nur sagen: »Es tut mir leid ... ich ... ich kann in dieser Atmosphäre nicht predigen ... irgendetwas läuft hier völlig falsch ... ich weiß nicht, was ich sagen soll,  ich kann nicht weitermachen ... Carol, könntest du irgendetwas auf dem Klavier spielen, und wenn der Rest von Ihnen bitte hier nach vorne zum Altar kommen könnte? Wenn wir nicht endlich sehen, dass Gott uns hilft, dann weiß ich auch nicht ...« 

 

Nachdem ich dies gesagt hatte, brach ich ab. Es war mir peinlich, aber ich konnte nichts anderes machen. Die Leute kamen nach vorne. Ich lehnte mich auf die Kanzel, mein Gesicht in die Hände gestützt, und weinte. Zuerst war alles ruhig, aber bald wurden wir mit dem Geist Gottes erfüllt. Die Leute begannen, Gott mit bewegenden Worten anzurufen. »Gott, hilf uns«, beteten wir. Carol spielte den alten Choral »Ich brauch dich, oh, ich brauch dich«, und wir sangen ihn immer wieder. Es folgte eine Zeit der Fürbitte. Plötzlich kam ein junger Mitarbeiter den Mittelgang heruntergelaufen und warf sich vor dem Altar nieder. Er begann zu weinen, als er betete. Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, blickte er auf, die Tränen strömten ihm über das Gesicht, und er sagte: »Es tut mir leid! Es tut mir so leid! Ich werde es nicht wieder tun. Bitte vergeben Sie mir.« Mir war sofort klar, dass er sich dafür entschuldigte, Geld aus der Kollekte genommen zu haben. Einen Augenblick lang machte mich sein unerwartetes Geständnis sprachlos.

 

An diesem Sonntag erlebten wir unseren ersten geistlichen Durchbruch. Ich musste nicht nachforschen, den Übeltäter mit seinem Fehlverhalten konfrontieren oder ihn dazu zwingen, ein Geständnis abzulegen. An einem einzigen Abend löste sich in einer Gebetszeit unser Problem Nummer eins (von scheinbar tausend). An diesem Abend war ich an meinem absoluten Tiefpunkt angekommen; ich war von vermeintlich unüberwindbaren Hindernissen und von Dunkelheit umgeben, völlig verwirrt und nicht mehr in der Lage, meine Predigt fortzusetzen. Doch in dieser Situation machte ich eine für mich erstaunliche Entdeckung:

 

Gott lässt sich von Schwachheit anziehen. Er kann denen nicht widerstehen, die demütig sind und ehrlich zugeben, wie verzweifelt sie ihn brauchen. Unsere Schwäche gibt ihm erst Raum, uns seine Macht zu zeigen. Das Gleiche gilt auch für Menschen. Das Einzige, das hier zählt, ist Ehrlichkeit. Ich musste nicht den Schein aufrechterhalten, dass ich ein perfekter Pastor war. Ich musste das Wort Gottes einfach nur so gut predigen, wie ich konnte, und dann die Gemeinde zu Gebet und Anbetung aufrufen. Dann übernahm Gott die Leitung. Diese demütigen Anfangserfahrungen sind mir sehr wichtig geworden. Sie zeigten mir, dass ich nicht etwas darstellen muss, das ich nicht bin. Jesus berief Fischer und nicht Absolventen einer Rabbinerschule. Einzige Bedingung war Natürlichkeit und Aufrichtigkeit. Seine Jünger sollten völlig von ihrem Herrn und seiner Macht abhängig sein. Ebenso musste auch ich aufhören, pastorenhaft zu handeln – wie auch immer das aussah. Gott konnte den Menschen Jim Cymbala nur so gebrauchen, wie er war. Für mich war es ein großer Durchbruch, darauf vertrauen zu lernen, dass Gott meine natürliche Persönlichkeit gebrauchte. Gott hat Heuchelei und Verstellung schon immer verabscheut, vor allem auf der Kanzel. In dem Augenblick, in dem ich versuchte, eine bestimmte Haltung oder Pose einzunehmen, setzte ich im Grunde Gottes Handeln Grenzen.

 

Was ich jedoch tun konnte, war, mein Bibelstudium noch ernsthafter zu betreiben. Ich begann, mir eine Bibliothek mit theologischer Fachliteratur aufzubauen und verbrachte jede Woche viele Stunden intensiv mit dem Wort Gottes. Aber ich würde nie ein zweiter John Wesley oder G. Campbell Morgan sein – das war offensichtlich. Ich musste meinen eigenen Stil finden und offen für und abhängig von Gott bleiben. 

 


Quelle: Jim Cymbala in Wenn Glaube Feuer fängt


 


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