»Nun, ich hatte Martin nicht besonders gut gekannt, auch wenn er in meine Gemeinde kam. Ab einer gewissen Anzahl Mitglieder kann man sie ja nicht alle kennen. Und hier gehen die Probleme los. Ich fand es wichtiger, dass die Zahl größer wird, als dass ich die Seelen kenne. Dass man sich von Herzen kennt, fand ich zwar erstrebenswert, aber viel zu aufwändig für den Gemeindebau. »Wachs-tum« war für mich ein Zunehmen an Zahlen, Einfluss und Bedeutung meines Dienstes in der Stadt. Ich hielt das für missionarisch. Wie auch immer, ich bekam einige Schwierigkeiten mit Leuten wie Martin, die – nachdem sie lange Zeit wunderbar unauffällig und treu in die Gemeinde gekommen waren – auf einmal anfingen zu behaupten, sie hätten Jesus erlebt, und der habe ganz andere Sachen mit ihnen vor als die Gemeinde. Sie stellten die Gemeinde in Frage! Da mich das, was sie angeblich mit Jesus erlebten, aber kaum interessierte, sondern mir ihr offensichtlicher Mangel an Unterordnung und Gehorsam gegenüber der Gemeinde und mir ins Auge stach, kam es zu einer Art Machtkampf – und den gewinnt immer die Gemeinde bzw. ihre Leiterschaft, weil sie am längeren Hebel sitzt. Schließlich muss die Gemeinde ja vor Spaltung bewahrt werden! Martin konnte darum nicht bleiben. Er musste gehen ... weil er Jesus folgen wollte.

 

Siehst du den ungeheuerlichen Widerspruch? Auf der einen Seite habe ich die Menschen aufgefordert, sich zu Jesus zu bekehren und ihm zu folgen, auf der anderen Seite mussten sie die Gemeinde verlassen, wenn sie es taten, da sie dann nicht mehr in die Tradition und den Rahmen der Gemeinde passten. Niemand, der Jesus folgt, passt in eine Tradition und in einen Rahmen. Jesus ist nämlich das Ende des Gesetzes und der Anfang der Freiheit. Ich aber war das Ende der Freiheit und der Anfang des Gesetzes. Ich war der Pastor, an dem sich alle und alles zu orientieren hatten. Nur so konnte die Integrität der Gemeinde gewahrt bleiben, meinte ich. Widersprach die geistliche Erfahrung eines Gemeindegliedes meiner Erfahrung, dann betrachtete ich sie als verkehrt. Zeigte Jesus jemandem etwas anderes als mir, habe ich es »korrigiert«. Du siehst, ich wurde die Zensur und Kontrollinstanz, der Statthalter Christi in der Gemeinde, der über die Wahrheit wachte, als hätte ich sie gepachtet. So wurde ich für die Gemeinde ihr Weg, ihre Wahrheit und ihr Leben. Ohne mich konnte sie gar nicht existieren. Sie konnte nur meinen Weg gehen und durfte nur meine Wahrheit glauben. Die Gemeinde war in mir und ich in ihr.

 

Aber nun höre mir genau zu, um meine große Sünde zu verstehen. Seht ihr, ohne mir so recht darüber bewusst zu werden, was ich da eigentlich tat – was nebenbei gesagt die Hauptwirkung der Tradition ist –, habe ich Jesus instrumentalisiert. Ich habe ihn benutzt für meine Zwecke. Die Zwecke kamen mir gut vor, dennoch habe ich alle und alles nur benutzt, um meine »guten« Vorstellungen von der Gemein-de zu verwirklichen. Ob es die Bibel oder die Gemeindeordnung, ob es Menschen oder Gott waren, ich habe sie alle benutzt für meine Ziele und Pläne. Ich stand an der Spitze der Hierarchie und meinte, das Recht dazu zu haben. Schließlich war ich ordiniert. An mir vorbei konnte selbst Jesus nichts tun in meiner Gemeinde, denn es war gar nicht seine, sondern meine Gemeinde, die nicht er, sondern ich bestimmte. Ich bildete mir ein, dies in seinem Namen zu tun, und habe seinen Namen für meine eigenen Vorstellungen und die Durchsetzung meiner Interessen missbraucht. Weder das erste noch das letzte Wort hatte Jesus, sondern ich. Ich war das A und das O der Gemeinde.«

(Pastor)

 

»Sich wirklich auf mich auszurichten und mich das Zentrum des Lebens sein zu lassen, meine Stimme im Herzen zu hören und ganz alleine ihr in die Freiheit zu folgen, das ist auch in der modernen Kirche sehr schwer. Mich nicht nur „Herr“ zu nennen, sondern auch den Herrn sein zu lassen, ist nach wie vor für viele Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen undenkbar. Sie sind so stark unter dem Einfluss des Turmes [Anm.: zu Babel], dass sie es einfach nicht denken können. In den Menschen Söhne und Töchter Gottes zu sehen, ist ihnen nur theoretisch möglich. Tatsächlich sehen sie in den Menschen „Mitglieder“, „Vorge-setzte“, „Spendengeber“, „Besucher“, „Zuhörer“ usw. – Funktionen und nicht Menschen, die Kinder sind und die von mir in den Schoß des Vaters gebracht werden.«

 

»[Es] braucht wirkliches Vertrauen zu mir, um mich in sich arbeiten zu lassen. Das Leerwerden von den Lügen und das Erfülltwerden mit Wahrheit fühlt sich für einen Menschen wie die Auflösung seiner selbst und Verwandlung in ein neues Wesen an. Ebenso braucht die Gemeinde als größere Struktur Vertrauen zu mir, mich in sich wirken zu lassen. Und ja, auch sie wird durch Prozesse der Auflösung und Verwandlung gehen müssen – viel tiefgreifender und weitgehen-der, als sie glaubt. Danach wird sie nicht mehr dieselbe Gemeinde sein wie zuvor. Sie wird sich selbst nicht wiedererkennen und den Kopf schütteln, wie viel Lüge und Scheinheiligkeit sie zuvor als »ganz normal« akzeptiert hatte – und dabei der festen Meinung war, sie sei frei.« 

 

»Seid ihr voller Programme der Lüge, könnt ihr unmöglich die Wege der Wahrheit erkennen, geschweige denn gehen. Ein Mensch muss nicht religiös werden, um zu Gott zu kommen, aber wahr. Nicht die Gemeinde ist eine Schutzburg vor dem Bösen, wie sich das manche Romantiker gerne vorstellen, sondern die Wahrheit ist es. Und die Wahrheit braucht ein solches Maß an Vertrauen und Mut, dass es unabdingbar den Heiligen Geist als Beistand und Tröster braucht, um sich auf sie einzulassen. Manche Gemeindemitglieder denken, sie seien auf eine magische Art und Weise vor dem Bösen gefeit, wenn sie nur jeden Sonntag in den Gottes-dienst gehen. Andere meinen, sie seien dadurch geschützt, dass sie unter der Autorität des Pastors stehen. Auch diese Ansicht ist magisch und enthebt den Menschen seiner ureigensten Verantwortung, mit dem Beistand des Heiligen Geistes die Wege der Lüge zu verlassen und den Weg der Wahrheit zu gehen. Nur die Wahrheit macht euch frei  nicht das Besuchen von Veranstaltungen oder die Unterwerfung unter Pastoren. Die Kirche hat keine Macht, die Wahrheit aber hat sie. Eine Kirche jedoch, die in der Kraft des Heiligen Geistes das Vertrauen und den Mut hat, wahr zu sein, diese ist tatsächlich kraftvoll und ein leuchtender Stern in der Finsternis.«

(Jesus Christus)

 

 

»„Biblisch sein“ ist nicht pharisäische Buchstabentreue, sondern Hingabe an den Geist, der MICH offenbart. Die Bibel nur für sich – ohne Geist und jenseits von mir – ist nutzlos. Mein Aufruf an den Jünger in den Evangelien lautete: „Komm, folge mir nach!“ und nicht: „Komm, folge der Schrift nach!“ Die Schrift ist nicht Gott, sie zeugt von Gott – und ihr Zeugnis ist wahr. Sie bestätigt schriftlich, was lebendig in euren Herzen geschieht, wenn ihr mit MIR zusammen seid – und ihre Bestätigung ist wahr und gibt euch Sicherheit, dass ihr auf dem rechten Weg seid. Verstehe also: Die Schrift ist nicht das Eigentlich, sie zeugt aber davon und bestätigt es.«

 

 

»Manchen müsste man sowohl die Bibel als auch die Gemeinde wegnehmen und ihnen verordnen, sich einmal ausschließlich an mich zu halten. Die Leute brauchten keine weitere Bibelschule, sondern mich, keine weitere Predigt und Lehre, sondern mich, keinen weiteren Gottesdienst, in dem sie im Grunde das Gleiche zum x-ten Mal hören und doch nicht darauf reagieren. Sie brauchen immer mich, der ganz allein ihr Herz kennt und versteht und sie dort finden und trösten kann wie ein Kind. Die Kirche müsste ihr Lehrprogramm insbesondere auf das Thema konzentrieren: „Achte auf dein Herz und du wirst Christus dort finden.“« 

 

»Glaube mir, es gefiele mir gut, wenn in so manchen Bibelstunden die Bibeln zur Seite gelegt würden und die Teilnehmer einmal ehrlich miteinander darüber sprächen, wie es ihnen wirklich geht und wie sehr sie sich eigentlich nach mir sehnen. Sie sollten ruhig einmal zugeben, dass ihnen das ewige Bibelauslegen nichts mehr gibt und sie ihr Herz als vertrocknet und verdurstet erleben trotz all der Wort-Predigten. Ja, sie sollten einmal zugeben, dass sie der vielen Worte müde sind und endlich das brauchen, worüber all die Worte sprechen: Mich. Paulus sagte über die „richtige“ Predigt: „Meine Predigt bestand nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe.“ (1. Korinther 2:4-5) Die Reformation ist stehengeblieben und hat eine einseitige Betonung auf bestimmte Positionen hinterlassen. Nun braucht sie selbst dringend eine Reform, um von der Flut der Worte zu einer Flut des Geistes zu gelangen, der lebendig macht.«

 

(Jesus Christus)

Quelle: Die Geisterstadt  von Frank Krause | Foto: bambiraptor | PHOTOCASE


 

Pastoren und Leiterschaften, die Ihr Euch zum Maß aller Dinge machtet und damit zur Anmaßung wurdet! Ihr werdet gerichtet werden mit der Wahrheit. Das ist das Gericht über Euch, dass Ihr der Wahrheit nicht geglaubt habt. Das Gericht beginnt am Hause Gottes, das Haus Gottes aber beginnt bei Euch.

 



Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!