Von Jesus heißt es, dass er das wahre Licht ist, das jeden Men-schen, der in die Welt kommt, erleuchtet (Johannes 1:9). Auch in Hebräer 6:4 lasen wir weiter oben schon von diesem Begriff der Erleuchtung. Er wird in der Kirche selten benutzt, obwohl sie auf eine lange mystische Tradition zurück-schauen kann, in der so bekannte Namen stehen wie etwa Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153), Hildegard von Bingen (1098–1179), Franz von Assisi (1182–1226), Meister Eckhart (um 1260–1328), Katharina von Siena (1347–1380) und Johannes vom Kreuz (1542–1591). Dies ist nur eine kleine Auswahl, aber auch jemand wie der Bürgerrechtler Martin Luther King (1929–1968) nahm für sich mys-tische Erfahrungen der Erleuch-tung in Anspruch, die seine poli-tische Arbeit zur Abschaffung der Sklaverei motivierten.

Aber weil Begriffe wie Erleuchtung und Mystik heute so esoterisch besetzt sind und durch diese weitgehend außerchristliche spirituelle Bewegung eine wahre Renaissance erlebt haben, grenzen sich viele Kirchen und Gemeinden davon ab. Es wird wenig darüber gepredigt, dass Gott uns erleuchten will, obwohl eine ganze Reihe von Bibelstellen und auch Dokumente in der Kirchengeschichte diese Dimension des Glaubens reichlich belegen. Die Folge ist, dass die Gläubigen erstens nicht damit rechnen und darauf vorbereitet werden und zweitens kaum darüber sprechen können, weil sie dann misstrauisch beäugt werden und die Gemeindeleitung nichts damit anfangen kann. Zudem sehen viele Gemeinden stets die Gefahr, dass mystische Erleuchtungserlebnisse und das Wort Gottes gegeneinander ausgespielt werden könnten und dadurch Verwirrung und Unruhe in der Gemeinde gestiftet werden. Meines Erachtens wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Um vor dem Falschen zu bewahren, wird das Richtige gleich mit aussortiert. Das geht zu weit, denn damit verlassen wir den Boden biblischer Lehre und schneiden einfach etwas ab, was notwendig dazugehört.

 

»Denn bei dir ist der Quell des Lebens; in deinem Licht sehen wir das Licht.«

(Psalm 36:10)

 

[Anm.: siehe auch Epheser 5:14)

»Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten,

so wird dich Christus erleuchten.«

 

So spricht David in den Psalmen, und ich kann jetzt viel mehr mit seinen Worten an-fangen als zuvor, denn hier erlebe ich es selbst. Das abstrakte und theoretische Bibelwissen, welches in den Gemeinden durch eine ausgeprägte Predigtkultur gelehrt wird, lässt die Gläubigen in der Erfahrung des Gepredigten verarmen. Das Vaterunser auswendig aufsagen zu können und die Bibel überhaupt einmal gelesen zu haben, anstatt sie auf dem Bücherregal verstauben zu lassen, ist ja gut und schön; es ist mir immer eine Freude, wenn die Gemeindebesucher eine Bibel mitbringen und in der Lage sind, die Verse aus der Predigt zu finden. Aber wie gesagt, die Speisekarte zu kennen, ist etwas anderes, als die angebotenen Gerichte auch zu essen. Nach so mancher Predigt müsste die Gemeinde den Prediger auf der Kanzel festhalten und verlangen, dass er sie nun in die Praxis des Gelehrten hineinführt, denn von Worten allein kann der Glaube nicht leben, er muss sich ja auf das gehörte Wort einlassensonst ist es kein Glaube.

 

Klug wäre es meines Erachtens, insgesamt etwas weniger zu predigen und so lange bei einem Thema zu bleiben, bis die Gemeinde anfängt, Erfahrungen damit zu machen und Zeugnis davon zu geben.

 


Quelle: Unterwegs in die goldene Stadt  von Frank KrauseFoto: joexx| PHOTOCASE


 


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