Ein zuverlässiger Indikator für das für eine echte Veränderung ausreichende Maß an Verzweiflung ist unser Gebet. Solange wir persönlich oder als Gemeinde das Gebet vernachlässigen, geschieht gar nichts. Denn offensichtlich können wir immer noch gut genug ohne leben. Erst wenn wir das nicht mehr können, werden wir wirklich ins Gebet gehen – mit ganzem Herzen, ganzer Seele und aller Kraft – und eine Tiefe darin gewinnen, die wir nicht kannten, aber die es unbedingt braucht, um die herrschenden Verhältnisse zu kippen, also eine Revolution auszulösen. Die Überwindung des trostlosen und ereignisarmen Ist-Zustandes gleicht immer einer Revolution. Dafür müssen Kräfte sowohl konzentriert als auch entfesselt werden, sonst reicht es für eine wirkliche Veränderung nicht aus. Vieles, was einzelne Menschen oder auch Gemeinden heutzutage gemeinsam unternehmen, um den Stillstand zu überwinden, ist rein kosmetischer Natur, das heißt, es werden ein paar oberflächliche Maßnahmen ergriffen, etwa ein wenig Modernisierung des Programms vorgenommen, aber keine grundsätzlichen Veränderungen erwogen, denn die sind einschneidend, zunächst schmerzhaft, verwirrend und wirbeln eine Menge Staub auf, so dass alle instinktiv davor zurückschrecken. Die Wahrheit braucht Mut zum Schmerz.

 

 

 

 

Ein weiterer Indikator für Revolution ist, dass Menschen aufhören, den herrschenden Zustand lediglich zu bejammern und sich selbst zu bemitleiden. Sie gelangen an einen Punkt, die eigene Bequemlichkeit ganz freiwillig zu »opfern«, um bloß in Bewegung zu kommen und echte Veränderung zu erleben. Sie überwinden die Phase der chronischen Müdigkeit, und ungekannte Kräfte mobilisieren sich in ihnen, um sich wie in Agonie gegen die Kraft der Lähmung aufzubäumen. Dann kommt tatsächlich das Schreien zurück ins Gebet. Die gebeugte Andacht verwandelt sich in ein intensives flehentliches Rufen nach größerer Gnade. Die Bereitschaft, das bekannte Gewohnte zugunsten des unbekannten Neuen zu überwinden, wird mit Bestimmtheit und Kraft ausgedrückt. Auch die Bereitschaft, über die eigene Verfassung und Verzweiflung ehrlich zu sein und sich dessen nicht zu schämen und sie vor den Anderen zu verbergen, nimmt konstant zu. Wenn solche »Symptome« auftauchen, dann ist Hoffnung. Wenn nicht, dann noch nicht.

 

Wirkliche Veränderung, oder wie manche Christen es nennen: »Erweckung« ist nicht »billig« zu haben. Unser ganzes Leben muss davon ergriffen werden, wenn es nicht doch wieder nur rein oberflächlich und auf lange Sicht wirkungslos sein soll. Wir mögen durch Phasen gehen, in denen wir meinen, »verrückt« zu werden, so zerrissen fühlen wir uns, aber solche Leiden sind unabdingbar nötig, um in die richtige innere Verfassung für eine revolutionäre Veränderung zu kommen. Die Wirkung des Turmes von Babel auf uns ist immer die, uns zu »beruhigen« und einzuschläfern mit Ablenkung, Unterhaltung, Sorgen usw. Es ist das Eine, über Erweckung zu philosophieren und meinetwegen auch zu predigen und in der Allianzgebetswoche dafür zu beten. Sich aber wirklich darauf einzulassen, das ist etwas ganz anderes. 

 

In der westlichen Kirche wollen Christen Erweckung »light«. Bequem soll es sein und auf keinen Fall weh tun. Konflikte sollen vermieden werden, und Spaß soll es machen. »Revival to go« (Erweckung zum Mitnehmen). Der Versuch, Jesus in unsere Kultur zu drücken, ist unübersehbar. Immer ist es dieselbe Tour. Er soll sich bitteschön unseren Vorstellungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten anpassen – und nicht etwa wir seinen. Eine Gemeinde, die sich tatsächlich um Jesus und nicht um sich selbst dreht, ist ein Fremdkörper in der Kirchenlandschaft. Scheinbar haben nur wenige Kirchen trotz gegenteiliger Beteuerungen ein wirkliches Interesse daran; ihnen geht es in Wahrheit einfach darum, dass ihr »Laden läuft«. Unendlich viele Worte, Konzepte und Manifeste werden formuliert, aber ohne die Substanz gottgewirkter Verzweiflung, die über weitere, gut ausgearbeitete »Projektpläne«, »Organigramme« und »Zielvereinbarungen« nur mehr weinen kann.

 

 

 

 

Die Kirche, die wir brauchen, können wir nicht organisieren, sondern nur empfangen. Sie ist der Himmel auf Erden – und der lässt sich von uns nicht »managen«. Er wartet, bis wir ans Ende mit unserem eigenen Latein kommen und Jesus zu seinen Bedingungen akzeptieren. Wenn dieser Punkt erreicht ist, fällt der Turm des Stolzes in unseren Herzen, und der Weg über die Trümmerhügel Babels kann beschritten werden. Ein Weg, der ohne die genaue Führung von Jesus, den Beistand des Heiligen Geistes und die Unterstützung der Engel ganz unmöglich gegangen werden kann. Und für keinen Menschen sieht er gleich aus.

 

Der Sprung über die gigantischen Versuche der Vergangenheit, den Turm von Babel und die Kirche Jesu Christi miteinander zu vereinigen, kann leichter von denen getan werden, die von den Traditionen der Kirche wenig, oder besser noch gar nicht, konditioniert worden sind. Sie lesen die Bibel und beten zu Gott unvoreingenommener und ohne den Filter von Jahrhunderten von scholastischer Theologie. Sie brauchen sich nicht so viel um die Gepflogenheiten und Gesetze der gewachsenen Kirche zu kümmern und haben es somit leichter, einfach sie selbst zu sein und auch Jesus den sein zu lassen, der er ist.

 

An dieser Stelle werden viele einwenden, dass das »Erbe der Kirche« doch auch wunderbare Früchte hervorgebracht hat und denjenigen, die zu Gott kommen, eine Menge mit auf den Weg zu geben hat. Das ist zweifellos wahr. Jedoch präsentiert die Kirche nicht allein dieses Erbe und ihre freundliche Unterstützung, sondern eben zusätzlich ihre Tradition und Kirchlichkeit, die zumeist nichts als Begrenzung und Kontrolle beinhaltet. Es ist, als gäben wir den nach Gott Durstenden nicht das Glas reinen Wassers zu trinken, sondern mischten ein wenig Gift mit hinein. Es mag nur eine Spur sein, und doch ist die Wirkung fatal. In Wahrheit ist unsere eigene Beimischung allerdings zumeist sehr viel umfangreicher als nur eine Spur. Manchmal ist umgekehrt das Evangelium nur die Spur in unserer religiösen Giftmischung, und man muss Menschen ernsthaft warnen, davon zu trinken, wenn sie nicht krank werden und sterben wollen!

 


Quelle: Frank Krause in   Die Geisterstadt  |  Bild: graphic house  –  PHOTOCASE  © AKS  Fotolia.com


 


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